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Der Bayern-Turm, ein Aussichtsturm, der seine ursprüngliche Funktion verloren hat

Über die ehemalige DDR habe ich in diesem Blog bereits mehrfach geschrieben; die entsprechenden Links füge ich am Ende des Beitrags ein.

Der unter sowjetischem Einfluss stehende östliche Teil des nach dem Zweiten Weltkrieg geteilten Deutschlands entwickelte sich zu einem sozialistischen Staat mit einer dem ungarischen ähnlichen Staatsordnung. Die dem System grundlegend innewohnende Paranoia erreichte hier jedoch ihren Höhepunkt, denn das Nachbarland, die BRD, war die ehemalige westliche Hälfte des Landes und – welch überraschende Folge – funktionierte nach der Teilung wirtschaftlich und politisch viel besser als das elendere „sowjetische“ DDR. Natürlich wollten auch die Ostdeutschen beweisen, dass sie genauso gut waren wie die BRD, nur war die sozialistische Planwirtschaft nie dazu geeignet, mit dem freien Markt zu konkurrieren, weshalb sie ihren vermeintlichen Vorteil auf Lügen, Einschüchterung und ein brutales Spitzelnetz aufbauten.

Bayernturm, der seine Funktion verlorene Aussichtsturm

Die Mauer, also mit großem „M“, wurde 1961 von der DDR errichtet, einerseits um die Trennung der beiden Länder zu symbolisieren, andererseits um zu verhindern, dass die DDR „ausblutet“, da die Bürger – um es mit den damaligen Begriffen zu sagen – die Genossen („Genossen“ auf Deutsch) begannen, massenhaft vor der Planwirtschaft in den Westen zu fliehen (Mehr über die Mauer habe ich hier geschrieben: „Über die Mauer“).

Die Mauer wurde in der BRD natürlich sofort zu einer Touristenattraktion; heute bezeichnen wir dieses Phänomen als Katastrophentourismus, wenn interessierte Menschen in dichten, gedrängten Reihen versuchen, in die Nähe des von der Katastrophe betroffenen Gebiets zu gelangen, diesmal an die Grenze zur DDR, um sich mit eigenen Augen von der Existenz des paranoiden Systems zu überzeugen. Offensichtlich hat der freie Markt dieses Phänomen erkannt, und sofort begann der Aufbau einer Infrastruktur, um die enorme Nachfrage zu bedienen. Zudem beteiligte sich der Staat, die Regierung der BRD, sogar mit Fördermitteln an den Entwicklungen – ihr Wunsch nach Wiedervereinigung war nie ein Geheimnis.

Bayernturm, der Aussichtsbereich heute

Ein solches touristisches Anziehungsprojekt war der 1966 an der innerdeutschen Grenze eröffnete Bayernturm . Der nicht besonders imposante, 38 Meter hohe, achteckige Turm, der direkt neben dem Grenzzaun errichtet wurde, bot einen herrlichen Blick auf die Landschaft, auf der Seite der DDR war sogar ein spezielles Modell eingebaut, mit dessen Hilfe man mithilfe von Lampen die benachbarten Kasernen, sowjetischen Stützpunkte und Ortschaften der DDR ausfindig machen konnte. Mit einem Fernglas war von dort aus das sowjetische Militärradarsystem auf dem Stadtberg bei Hildburghausen gut zu sehen und zu beobachten.

Schon während des Baus gab der Turm auf der Ostseite Anlass zur Sorge, da man zunächst glaubte, es handele sich um eine Raketenabschussrampe. Das Gebäude, neben dem sich ein Restaurant und ein Hotel befanden, stieß sofort auf großes Interesse, „das Geschäft lief gut“, und Interessierte aus aller Welt strömten herbei, um einen Blick auf die Grenzanlagen und den Todesstreifen zu werfen.

Der „Todeszone“ war kein sensationeller Begriff, der nur für Touristen geprägt wurde, denn die DDR-Grenze wurde mit Selbstfeuerwaffen, Minenfeldern, bewaffneten Wachposten und für Fahrzeuge undurchdringlichen Betonblöcken vor „Eindringlingen“ geschützt – also den „Ausreisenden“, also den flüchtenden DDR-Bürgern. Ähnlich, aber größtenteils bescheidener ausgeführt, waren die sogenannten Informationsstellen entstanden in dieser Zeit auf der westlichen Seite der Grenze, von der Ostsee bis nach Bayern, wo pensionierte Bibliothekare und Lehrer aus der Region den Besuchern von der Grenze und dem früheren, grenzenlosen, freien Leben erzählten.

Die erste Seite der STASI-Akte „Thüringenblick“

Die STASI, die Geheimdienstorganisation der DDR, beobachtete diese Entwicklungen natürlich mit Sorge; in ihren Augen symbolisierten diese Einrichtungen die Wiedervereinigungsbestrebungen der BRD, die damit die staatliche Integrität der DDR in Frage stellten. Bei fast allen wurde sofort mit der Datenerfassung begonnen, die Besucher wurden beobachtet und (auffällig) fotografiert. Der Bayerische Turm bot einen Einblick aus dem westdeutschen Bayern in den Alltag des damaligen DDR-Bundeslandes Thüringen, sodass die STASI-HA-I -Einheit ein thüringisches Bild, nämlich „Thüringenblick“ eine Akte angelegt, um die Aufgaben, die Berichte der Informanten und die gesammelten Dokumente darin zusammenzufassen.

Trotz aller Bemühungen gelang es der Geheimpolizei in rund 25 Jahren nicht, Informanten an den Informationsstellen entlang der Grenze, in Hotels, Restaurants, Aussichtstürmen und Bildungseinrichtungen zu rekrutieren, sodass sie nur Materialien von dort umherstreifenden Rentnern aus der DDR in die Akte aufnehmen konnten, zum Beispiel handschriftliche Reiseberichte, Prospekte und Eintrittskarten. Auch sie mussten dieses Ergebnis wohl als ziemlich dürftig bewerten, sodass sie die Akte im Februar 1989 schlossen und ins Archiv schickten.

In der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990 wurde die Bundesflagge am Berliner Reichstag gehisst; die STASI wurde 1991 aufgelöst.

Mit dem Wegfall der innerdeutschen Grenze verlor auch der Turm seinen Reiz als Touristenmagnet; heute steht er verlassen am Rande von Büchelberg und wartet auf seine Sanierung.

Sic transit gloria mundi.

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Quellen

de/passport/bayernturm.txt · Zuletzt geändert: von vamsan