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Inhaltsverzeichnis
Einer der Fahrer erinnerte sich, dass die Stille das Beängstigendste gewesen sei. Als der Bus zwischen die Mauern einbog, war außer dem Brummen des Motors nichts zu hören. Sie wussten, dass ostdeutsche Grenzsoldaten von den Schlitzen oben auf der Mauer und von den Türmen aus mit Ferngläsern ihre Gesichter beobachteten. „Wir haben nie zu den Türmen hinaufgeschaut, sondern streng nur die Straße im Blick behalten, denn jede unnötige Bewegung hätte als Provokation gewertet werden können.“
Die Geschichte der Linie 18
Steinstücken ist eines der ungewöhnlichsten Kapitel des Kalten Krieges. Dieses nur 13 Hektar große Gebiet war die einzige dauerhaft bewohnte Exklave West-Berlins, das vollständig vom Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik (DDR, Ostdeutschland) umgeben war. Die rund 200 Einwohner des Dorfes lebten jahrzehntelang an der Frontlinie der Weltpolitik, abgeschnitten von ihrer Hauptstadt.
Die Exklave Steinstücken
Als 1920 Groß-Berlin gegründet wurde, wurden die umliegenden Ortschaften der Hauptstadt angegliedert. Die Ländereien von Steinstücken gehörten historisch gesehen den Gutsbesitzern des Dorfes Stolpe (später Wannsee), die ihre Steuern an Berlin abführten. So wurde das Dorf rechtlich Teil des Bezirks Berlin-Zehlendorf, obwohl es geografisch gesehen in das Gebiet von Potsdam (Brandenburg) hineinragte.
jenseits der Mauer
Nach dem Zweiten Weltkrieg teilten die siegreichen Alliierten die Stadt entlang der bestehenden inneren Bezirksgrenzen Berlins auf. Da Zehlendorf in den amerikanischen Besatzungssektor fiel, wurde auch das dazugehörige Steinstücken automatisch Teil der amerikanischen Zone, während jenseits der Dorfgrenze unmittelbar die sowjetische Zone begann.
Anfangs konnten die Bewohner und die Alliierten ungehindert durch die die Stadt umgebenden ostdeutschen Gebiete nach West-Berlin gelangen. Später errichteten die ostdeutschen Behörden Kontrollpunkte, doch die Einwohner konnten weiterhin über einen streng bewachten Waldweg und zwei Grenzübergänge passieren.
Am 18. Oktober 1951 drangen bewaffnete Angehörige der ostdeutschen Volkspolizei unerwartet in das Dorf ein und versuchten, es der DDR einzuverleiben. Aufgrund des Widerstands der Einwohner und heftiger diplomatischer Proteste seitens der USA zogen sich die Ostdeutschen nach einigen Tagen zurück.
Im August 1961, als die Mauer errichtet wurde, wurde auch Steinstücken vollständig mit Stacheldraht und später mit einer Betonmauer umzäunt. Die Bewohner durften das Dorf nicht verlassen; westberlinische Polizisten und Rettungskräfte durften es nicht betreten.
Durch die Mauer
Nach der Errichtung der Berliner Mauer am 13. August 1961 wurde Steinstücken zu einer der ungewöhnlichsten Fluchtrouten. Da das Dorf anfangs nur mit Stacheldraht umzäunt war, mussten die ostdeutschen Flüchtlinge „nur“ den äußeren DDR-Ring überwinden, um sich in der amerikanischen Zone, also technisch gesehen in West-Berlin, wiederzufinden.
Im August 1961, unmittelbar nach der Schließung der Grenze, herrschte Chaos. Dutzende ostdeutsche Familien rannten über Felder und durch Gärten nach Steinstücken. An manchen Tagen versteckten sich mehr als 20 Flüchtlinge in den Häusern des Dorfes. US-Soldaten brachten sie mit Hubschraubern weiter in die sicheren zentralen Stadtteile West-Berlins.
Ein ostdeutscher Postbote, der die Grenzen rund um das Dorf gut kannte, nutzte seine Zustellroute für die Flucht. Während er die offiziellen Briefe zu den Häusern der DDR an der Grenze brachte, sprang er in einem unbewachten Moment einfach über den Zaun in den amerikanischen Sektor. Da sich in seiner Tasche auch offizielle ostdeutsche Dokumente befanden, wurde er sofort vom amerikanischen Geheimdienst verhört.
Nachdem die DDR die Absperrungen um das Dorf verstärkt und bewaffnete Wachtürme errichtet hatte, wurden die Fluchtversuche tödlich. Dennoch gelang es mehreren Jugendlichen, unter dem Schutz der Dunkelheit und zwischen den Bäumen hindurchkriechend, den Stacheldraht zu überwinden. Die amerikanischen Militärpolizisten (MP) erhielten den Befehl, einen Flüchtling, sobald er die ersten Häuser des Dorfes erreichte, sofort in Schutzgewahrsam zu nehmen und mit Waffengewalt zu verhindern, dass die ostdeutschen Grenzsoldaten ihm folgten.
Den Fluchtversuchen setzte die DDR ein Ende, indem sie bis 1963 entlang des gesamten 3 Kilometer langen Umfangs des Dorfes den Stacheldraht durch eine massive, durchgehende Betonmauer ersetzte und bewaffnete Patrouillen an die unmittelbare Grenze des Dorfes entsandte.
Die „Mini-Luftbrücke“ mit Hubschraubern
Der US-General Lucius D. Clay erkannte die politische Tragweite der Situation. Um die Entschlossenheit des Westens zu demonstrieren, ließ er im Dorf einen Landeplatz für Militärhubschrauber errichten. Drei amerikanische Militärpolizisten (MP) zogen in die Exklave; sie bildeten die 287. Militärpolizeikompanie . Sie wurden per Hubschrauber abgelöst, und auch die wichtigsten Versorgungsgüter wurden aus der Luft bereitgestellt. Steinstücken wurde zu einem weltweiten Symbol des westlichen Widerstands.
Da die westberliner Müllwagen nicht in das Gebiet fahren durften, einigten sich die Bewohner mit der Stadt Potsdam darauf, dass Ostdeutsche Arbeiter und Müllwagen fuhren nach Steinstücken, um den Müll abzuholen, den die Westberliner mit westdeutschen Mark (Devisen) an die DDR bezahlten.
Die Strom- und Gasversorgung des Dorfes erfolgte über das ostdeutsche Netz. Die DDR nutzte dies als ständige Erpressungsgrundlage: Bei politischen Spannungen hätten sie die Versorgung einschränken können (und taten dies manchmal auch).
Da es unmöglich war, Ziegel, Zement oder Balken per Hubschrauber zu transportieren, konnten die Bewohner jahrzehntelang ihre Häuser nicht renovieren oder neue bauen.
Der Gebietstausch
Die unhaltbare und gefährliche Situation wurde schließlich durch die Politik der Entspannung und einen geradezu erstaunlichen Gebietstausch gelöst.
Die Alliierten und die Sowjetunion einigten sich auf eine Regelung des Status von Berlin. Als Teil davon zahlte West-Berlin 4 Millionen Westdeutsche Mark an die DDR für einen 20 Meter breiten und 1 Kilometer langen Landstreifen, der die Exklave mit dem Rest der Stadt verband.
1972 wurde die asphaltierte Verbindungsstraße eröffnet. Auf Forderung der DDR wurde die Straße auf beiden Seiten mit 3 Meter hohen Betonmauern abgesperrt, wodurch ein geschlossener Korridor entstand. Auf diesem Korridor nahm die legendäre Buslinie 18 ihren Betrieb auf.
Die Buslinie 18
Die Buslinie 118 (die bis zum Fall der Mauer als Linie 18 bezeichnet wurde) war eine der bizarrsten Nahverkehrslinien der Geschichte. Er war nicht nur wegen der Betonmauern auf beiden Seiten etwas Besonderes, sondern auch wegen der absurden, alltäglichen Vorschriften, die seinen Betrieb regelten.
Die Fahrer mussten eine spezielle Ausbildung absolvieren. Sie mussten lernen, gelassen mit dem Druck umzugehen, dass bewaffnete ostdeutsche Grenzsoldaten jede ihrer Bewegungen von den Wachtürmen aus beobachteten. Die Busse waren mit einer direkten, geheimen Funkverbindung ausgestattet, über die der Fahrer sofort die West-Berliner Polizei und das Alliierte Kommando alarmieren konnte, falls sich im Korridor ein außergewöhnliches Ereignis ereignete.
In Steinstücken angekommen, wendete der Bus auf einem kleinen Platz und fuhr dann zurück nach West-Berlin. Für die Einheimischen stellte dieser Bus die einzige echte Verbindung zur Zivilisation dar.
Was geschah, wenn der Bus eine Panne hatte?
Das war die größte Befürchtung der westlichen Behörden. Wenn der Bus auf dem von der Mauer gesäumten, 1 Kilometer langen DDR-Abschnitt eine technische Panne hatte, bedeutete das eine sofortige internationale diplomatische Krise.
Weder die Fahrgäste noch der Fahrer durften auf ostdeutschem Gebiet den Bus verlassen. Die BVG (Berliner Verkehrsbetriebe) konnte nicht einfach so einen Mechaniker oder einen anderen Bus schicken. Bei jeder technischen Panne mussten die westlichen Verbündeten auf offiziellem Wege Kontakt mit dem DDR-Grenzschutz aufnehmen, um die Erlaubnis für die Bergung zu beantragen.
Gelegentlich kam es vor, dass die ostdeutschen Behörden den liegen gebliebenen westlichen Bus selbst aus dem Korridor abschleppten, um eine schnelle Lösung zu erreichen, wofür sie West-Berlin natürlich erhebliche Summen in Rechnung stellten
Ein ehemaliger Schüler aus Steinstücken erinnerte sich so an seine Schulzeit: „Jeden Morgen, wenn der Bus in die Zone zwischen den Mauern einfuhr, zog es mir den Magen zusammen. Wir beteten, dass der Bus auf dem Gebiet der DDR keine Panne haben möge. Wenn der Bus ein seltsames Geräusch machte, verstummte der gesamte Fahrgastraum. Wir wussten: Wenn wir hier anhalten, dürfen wir nicht aussteigen, und hinter dem Fenster stehen die Bewaffneten.“
Der berühmte „Haustürservice“
Die Buslinie hatte während des Kalten Krieges eine ganz einzigartige, fahrgastfreundliche Funktion. Da der Korridor und die Umgebung des Dorfes nachts extrem dunkel und unheimlich waren (wegen der Scheinwerfer und bewaffneten Wachen auf der anderen Seite der Mauer), führte die BVG den „Haustürservice“ein. Spätabends und nachts setzte der Fahrer die Fahrgäste nicht nur an der offiziellen Haltestelle ab, sondern hielt – auf Wunsch – überall im Dorfgebiet direkt vor der Haustür der Bewohner an, damit niemand im Dunkeln an der Grenze entlanglaufen musste.
Die Weihnachtsbaum-Aktion
Ein älterer Anwohner erinnerte sich in einem Dokumentarfilm daran, dass die Fahrer der Buslinie 18 in den 1970er Jahren nicht nur Fahrgäste beförderten, sondern auch eine Art Schmuggler – im friedlichsten Sinne des Wortes. Um die Weihnachtszeit herum brachten die Fahrer im hinteren Teil des Busses, zwischen den Rücksitzen, Tannenbäume und größere Weihnachtspakete aus Zehlendorf zu den Dorfbewohnern, die kein Auto hatten.
Der Fall der Mauer
Als am Abend des 9. November 1989 die Berliner Grenzen geöffnet wurden, brachen in Steinstücken Momente unbeschreiblicher Erleichterung und Euphorie aus.
Die Dorfbewohner strömten sofort auf die Straße. Viele von ihnen konnten zum ersten Mal seit Jahrzehnten aus dem 20 Meter breiten Korridor hinausgehen, ohne dass Soldaten der DDR ihre Waffen auf sie richteten. In den innerstädtischen Bereichen Berlins begannen die „Mauerspechte“ (Mauerspechte) mit dem Abriss der Mauer begonnen; in Steinstücken griffen die Bewohner selbst zu den Werkzeugen.
Sie wollten nicht warten: Mit Hämmern und Spitzhacken begannen sie, die Betonmauern am Ende ihrer Häuser einzureißen. Die bewegendsten Momente waren jene, als sich die Potsdamer, die auf der anderen Seite der Mauer lebten, und die Bewohner von Steinstücken endlich die Hände reichen konnten. Viele hatten jahrzehntelang kaum 50 Meter voneinander entfernt gelebt, ohne auch nur ein Wort miteinander wechseln zu können. Die Grenzsoldaten griffen nicht mehr ein, sondern sahen der feiernden Menge nur tatenlos zu.
Innerhalb weniger Monate wurde das gesamte Betonmauersystem in der Umgebung abgerissen; das Dorf war nun keine Exklave mehr. Auch die Straßen nach Potsdam wurden freigegeben, und die Bewohner konnten endlich bauen, ihre Häuser renovieren und ungehindert in die umliegenden Wälder und an die Seen gelangen.
Heute ist Steinstücken eines der ruhigsten und teuersten Wohnviertel Berlins in grüner Lage. An die bedrückende Vergangenheit erinnert heute nur noch das Militärdenkmal in der Mitte des Dorfes, das zwei Hubschrauberrotoren nachbildet und an die ehemaligen amerikanischen Hubschrauber-Rettungseinsätze erinnert.
Wie sieht es heute mit der Buslinie 118 aus?
Der Bus verkehrt auch heute noch zwischen Zehlendorf und Steinstücken, doch nach dem Fall der Mauer wurde die Strecke verlängert. Der Bus kehrt nicht mehr am Dorfrand um, sondern fährt weiter in das ehemalige Feindesgebiet nach Potsdam, bis zum Einkaufszentrum „Stern-Center“.
Viele geschichtsinteressierte Berlin-Besucher steigen bis heute extra in den Bus der Linie 118 ein, um die Strecke zu befahren, die einst der am strengsten bewachte, von einer Mauer umgebene Militärkorridor der Welt war.
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Quellen
Bei der Erstellung dieses Beitrags habe ich auch die Hilfe von Gemini AI in Anspruch genommen.
Verwendete und empfohlene Quellen
Bildquellen
- Luftaufnahme des von der Mauer umschlossenen Dorfes und des Korridors: Wikimedia Commons – Luftaufnahme von Steinstücken (1989)
- Der Bus der Linie 18 auf dem Korridor zwischen den Betonmauern: Bundesarchiv / Wikimedia Commons – Der Bus im Korridor (1972)
- Das heutige Denkmal an der Stelle des Hubschrauberlandeplatzes: Wikimedia Commons – Das Hubschrauberdenkmal heute
- Die ehemaligen Wachtürme der DDR entlang des Korridors: Berlin Wall Map – Archivfotos und Karte des Grenzabschnitts
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